Vor kurzem habe ich irgendwo in den sozialen Netzwerken einen Post gelesen, der mit der Frage überschrieben war „Wie werden unsere Kinder die Corona-Krise in Erinnerung behalten? Welche Gefühle werden sich bei ihnen melden, wenn sie auf diese Zeit zurückblicken?“ Das hat mich zum Nachdenken darüber gebracht, wie unser kleiner Sohn uns in dieser Zeit als Eltern erlebt. Was strahlen wir aus? Und direkt damit verbunden: Was macht das Eltern-Sein in der Corona-Krise aus? Wie geht es uns wirklich? Und warum geht es uns so, wie es uns geht?

 

Es geht gut und schlecht – und das fordert uns

Wenn ich bei meinen Freunden und Kollegen dazu umhöre, dann sagen viele, dass die Kinder ihre Freunde oder Freizeitaktivitäten überraschend wenig vermissen. Sie genießen die Zeit, in denen ihre Eltern um sie herum sind und oft auch die neue Nähe im Alltag, die dadurch entsteht. Auch von den Eltern höre ich viel Dankbarkeit. Darüber, gesund zu sein, noch ein Einkommen zu haben, Solidarität zu erfahren von Freunden und Verwandten. Und auch darüber, dass in vielen Unternehmen plötzlich und endlich eine so große Akzeptanz für die Arbeit von zuhause und die Vereinbarkeit von Leben und Arbeiten entsteht.

Gleichzeitig gibt es auf der anderen Seite aber auch: Erschöpfung und Überforderung angesichts des ständigen Jonglierens zwischen Kinderbetreuung zuhause, Homeschooling und Arbeiten. Sorge um oder für die eigenen Eltern. Und Unzufriedenheit darüber, dass weder zeitlich noch räumlich Platz für sie selbst ist. Bei aller Wertschätzung für die positiven Aspekte der aktuellen Situation schlägt das auf die Laune und die Kraft. Vor allem, weil wir alle uns die aktuelle Situation nicht ausgesucht haben und dennoch damit umgehen müssen. Sich in dieser Ambivalenz einzurichten, ist eine Aufgabe für sich.

 

Emotionale Zustände übertragen sich

Wir wissen alle nicht, wie lange die aktuelle Situation noch andauern wird. Klar scheint aber, dass wir uns eher auf einem Langstreckenlauf als auf einem Sprint befinden. Daher glaube ich, dass es heute wichtiger als sonst eh schon ist, als Eltern gut für die eigene Laune und Kraft zu sorgen. Warum?

Aus der neurowissenschaftlichen Forschung wissen wir, dass emotionale Zustände sich im wahrsten Sinne des Wortes übertragen können. Spiegelneuronen ermöglichen es uns, uns in den anderen hinein zu fühlen. Sie sorgen dafür, dass in unserem Gehirn dieselben Areale (in verminderter Form) aktiv sind, wie die der Person, mit der ich gerade interagiere. So kommt es, dass wir – bewusst oder unbewusst – das fühlen können, was auch die andere Person fühlt. Das Einmalige an diesen Nervenzellen ist, dass sie Signale bereits aussenden, sobald jemand eine Handlung nur beobachtet. Die Nervenzellen reagieren genau so, als ob man das Gesehene selbst ausgeführt hätte.

 

Unsere Kinder erfassen intuitiv, wie es uns geht

Spiegelneuronen gehören zur Grundausstattung unseres Gehirns, wir werden mir ihnen geboren. Im Laufe des Lebens kann sich auf dieser Basis unsere Fähigkeit zur Empathie weiter ausprägen. So bekommen z.B. Kinder ungefähr ab Vollendung des 2. Lebensjahres ein Grundgefühl dafür, dass andere Menschen eigene, von ihnen unabhängige Gedanken und Wünsche haben. Und das bedeutet auch, dass wir unseren Kindern wenig darüber vormachen können, wie wir selbst mit der aktuellen Situation umgehen. Je kleiner unser Bewegungsradius ist und je mehr Zeit wir miteinander verbringen, umso mehr bekommen sie unsere Gefühle mit. Auch unsere Gereiztheit, unsere Sorge, unsere Überforderung. Der Versuch, diese Gefühle zu unterdrücken, wird nicht dazu führen, dass unsere Kinder sie nicht wahrnehmen. Und uns wird es damit wahrscheinlich schlechter als besser gehen. Was kann also helfen?

 

Erstmal anerkennen, was ist – auch wenn es gemischte Gefühle sind

So einfach es klingt, so schwer kann es aktuell vielleicht sein: der erste Schritt war für mich, in Ruhe meine eigene emotionale Verfassung wahrzunehmen. Und darüber erstmal die Ambivalenz zu erkennen, in der ich mich befinde. Dass ich mich nämlich sowohl gut als auch schlecht fühle. Dass ich auf der einen Seite genieße, wie wir uns hier zuhause einigeln konnten und so viel mehr Alltag miteinander teilen. Dankbar bin für unsere Gesundheit, unser schönes Zuhause und die technischen Möglichkeiten, mit Familie und Freunden in engem Kontakt zu sein. Und dass ich auf der anderen Seite Angst habe, um meine Eltern mit Vorerkrankungen, um meine Existenz als Selbstständige. Und sich manchmal ganz alte Themen und Ängste wieder melden, von denen ich dachte, dass ich sie hinter mir gelassen hätte.

 

Wegschieben ist verlockend – hilft aber nicht

Was ich gemerkt habe: wenn ich versuche, das alles wegzuschieben, wird es nur schlimmer. Im Gegensatz dazu hat hat ein vergleichsweise simpler Schritt, mir geholfen: Ich habe mich quasi wie von außen angeschaut und mir gesagt „okay, anscheinend habe ich gerade richtig Angst, nicht weniger, aber auch nicht mehr als das“. Dadurch konnte ich mich entspannen. Und dann auch sehen, was neben der Angst eigentlich noch alles da ist. Erst auf der Grundlage konnte ich mich fragen, was mir helfen könnte, um mich in der aktuellen Situation besser einzurichten.

 

Warum es uns geht, wie es uns geht: Über Sicherheit, Fairness und die Sehnsucht, einfach mal wieder das eigene Ding zu machen

Für diese Selbstbetrachtung bin ich erneut bei den Neurowissenschaften fündig geworden: David Rock liefert mit dem „SCARF-Modell“ eine interessante Perspektive, die ich sehr hilfreich fand. Das Modell stellt fünf soziale Bedingungen in den Mittelpunkt, die beim Eintreten entweder die Belohnungs- oder bei ihrem Ausbleiben die Bedrohungsmuster des Gehirns aktivieren. Damit erzeugen sie entweder Wohlbefinden oder Stress. Es bietet daher gerade in Zeiten von Veränderung eine Möglichkeit, sich selbst ein klareres Bild davon zu machen, warum es uns eigentlich gerade geht, wie es uns geht.

„Status“
Wir leiden darunter, wenn unser (sozialer) Status bedroht oder zu unseren Ungunsten verändert wird, besonders in Zeiten von Veränderung. Unser erster Impuls ist zu versuchen, die Veränderung abzuwehren oder zu untergraben. In der aktuellen Situation kann diese empfundene Statusabwertung z.B. auch dadurch ausgelöst werden, dass wir vom Status „berufstätig“ in den Status „mehrheitlich kinderbetreuend“ wechseln. Denn unsere Arbeit, ebenso wie alle anderen Rollen und Lebensbereiche, tragen zu dem bei, wie wir uns selbst und unseren Status, im Wortsinn unseren Stand, erleben.

„Certainty“
Psychisches Wohlbefinden entsteht auch durch Sicherheit. Die aktuelle Situation ist für uns alle momentan allerdings geprägt von einem Verlust von Kontrolle und Planbarkeit. Unser Alltag hat sich in kürzester Zeit immens verändert. Alles sortiert sich ständig neu, wird neu gewichtet und bewertet. Es ist nicht absehbar, wie lange der aktuelle Zustand andauern wird. Oder wann wir zu den Gewohnheiten zurückkehren können, die unser Leben bisher positiv geprägt haben. Daher sind wir aktuell besonders gefordert darin zu schauen, in welchen Bereichen wir Sicherheit erleben können.

„Autonomy“
Neben der Sicherheit gehört auch die Autonomie zu den psychischen Grundbedürfnissen des Menschen. Sie beschreibt das elementare Bedürfnis, selbstbestimmt zu leben. Ein Leben mit Kindern bedeutet häufig sowieso bereits eine Einschränkung in der empfundenen Autonomie. In der aktuellen Situation kann unser Autonomieerleben zudem noch einmal deutlich sinken. Denn wir können durch Ausgangsbeschränkungen und geschlossene Kitas und Schulen noch viel weniger, als es sonst innerhalb einer Familie vielleicht möglich ist, autonom entscheiden. Zudem findet alles auf deutlich verkleinertem Raum statt, man hat auch physisch wenig Raum für sich. Um mal (auch räumlich) allein zu sein, bleibt uns Eltern im Zweifelsfall nur der Badezimmeraufenthalt oder die frühen Morgen- und späten Abendstunden.

„Relatedness“
Hier geht es um das Gefühl von Verbundenheit zu anderen Menschen. Blicke ich um mich herum, stelle ich fest, dass viele aktuell eine große Sehnsucht nach Verbundenheit nicht nur empfinden, sondern auch äußern. Und viele erleben es als Geschenk, diese jetzt sowohl in der Familie als auch im Freundeskreis zu spüren. Gleichzeitig kann die aktuelle Situation uns aber auch zu der Erkenntnis bringen, dass wir uns z.B. unserem Partner derzeit wenig emotional verbunden fühlen. Ein Gefühl, das wir durch einen sonst prall gefüllten Alltag mit viel Abwechslung, Aufgaben und räumlicher Freiheit vielleicht lange gar nicht wahrnehmen konnten und das jetzt möglicherweise auch eine Quelle von Konflikten oder Enttäuschung ist.

„Fairness“
Fühlen wir uns gerecht behandelt? Und haben wir insgesamt das Gefühl, in einem System zu leben, in dem es gerecht zugeht? Jemand anderen als „fair“ zu erleben, erhöht unser Gefühl von Vertrauen und sicherer Verbindung. Gerade dann, wenn die 24 Stunden eines Tages viel zu knapp erscheinen, um alle Bedürfnisse fair zu repräsentieren, sind wir in Zeiten von Veränderung sehr herausgefordert. Denn eine als unfair empfundene Behandlung – z.B. bei der Aufteilung der Betreuungszeit, des Einkaufens, des Haushalts, etc. – führt obendrauf noch dazu, dass wir weniger Vertrauen ineinander haben und uns weniger sicher gebunden fühlen.

 

Und jetzt? Eins nach dem anderen…

Was heißt das jetzt ganz konkret für mich? Mir hat das Modell geholfen, das, was ich gerade erlebe, auf diese Faktoren hin zu überprüfen. Als erstes durfte ich dabei lernen, dass es gar nicht um Perfektion geht. Ich muss nicht alles auf einmal in Angriff nehmen. Es geht ums Anfangen, um den ersten kleinen Schritt. Anfangen hieß für mich: überlegen, wie es eigentlich um diese fünf Aspekte in meinem Leben gerade bestellt ist. Womit komme ich gerade gut zurecht? In welchem der Aspekte habe ich aber das deutliche Bedürfnis, etwas zu verändern? Was genau wünsche ich mir? Wenn ich weiß, woran ich gerade knabbere, dann kann ich ganz gezielt schauen, was ich verändern kann oder in der Familie besprechen möchte.

 

Friede, Freude, Eierkuchen in Corona-Zeiten?

 

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es nicht leicht ist, Platz für all diese Faktoren im Corona-Familienalltag zu schaffen. Wenn jeder zu seinem Recht kommen möchte und es zudem noch Erwartungen von außen – dem Arbeitgeber, der Schule – gibt. Oder man als alleinerziehender Elternteil die Situation allein bewältigen muss. Und gleichzeitig hab ich die Erfahrung gemacht, dass es sich lohnt, diesen Fragen nachzugehen und damit für meine eigene gute Laune und Kraft zu sorgen. Und zu erkennen, das mein Gegenüber ganz ähnliche Bedürfnisse hat, was wiederum die Empathie und auch die Verbundenheit stärkt. Ist deswegen aktuell jeder Tag bei uns Friede, Freude, Eierkuchen? Nein. Auch die Sorgen, die Unsicherheit und die Unzufriedenheit sind da, aber seltener, ich verstehe ihre Quellen neu und besser und das hilft mir dabei, jeden Tag aufs Neue erstmal so zu nehmen wie er kommt. Die Reise geht also weiter. Bleibt gespannt und dran!