Persönliche Transformation in der Wildnis

Persönliche Transformation in der Wildnis

Bericht über eine Visionssuche in den Bergen an der Westküste der USA

Holger Scholz

Echte Transformation wird möglich durch Einsicht oder Krise. Sei es im Persönlichen oder in Organisationen, es braucht einen tiefen, inneren Prozess der Wandlung, bevor Menschen in der Lage sind, aus Routinen und Gewohnheiten auszusteigen und nachhaltig für sich und andere eine neue Wirklichkeit zu erschaffen. Das ist nicht trivial.
In der indigenen Praxis der Visionssuche erkennen wir die Bestandteile einer echten Transformation. Diese vollzieht sich laut Überlieferungen in drei Phasen:
Severance – die Trennung (von Altem und Gewohntem)
Threshold – die Schwelle (und Prüfung)
Incorporation – die Eingliederung (des Neuen).

Severance – die Trennung

Wer sich auf eine Visionssuche vorbereitet, wird sich zunächst von allen irdischen Gewohnheiten und Sicherheiten peu à peu verabschieden müssen. In dieser Phase durchläuft der „Quester“ (die Person, die das Ritual vollzieht) einen Zeitraum von mehreren Monaten bis zu einem Jahr, in dem er sich physisch, spirituell und mental vorbereitet.
Es geht darum, sich fit zu machen für die anstehenden Herausforderungen der Transformation. Darüber hinaus ist es hilfreich, wenn der Quester seine Intention für die Quest (das Ritual, die Fragestellung) formulieren kann. Je nach Tradition sind Praktiken der persönlichen Reinigung, des Gebets, des Fastens und des Verzichts von Genussmitteln ein weiterer Bestandteil dieser Phase. Klarwerden und Loslassen sind die Themen. Vermeintliche Sicherheit, Besitzstände und „Must haves“ werden Stück für Stück abgelegt bzw. zurückgefahren. Am Ende dieser Vorbereitung steht der Quester quasi nackt vor dem Herzstück der Quest: vor dem Natur-Solo. Das sind drei bis vier Tage und Nächte allein in der Wildnis.

Ausgestattet mit einem Tarp (einer Plane, die zwischen Bäumen gespannt wird), einem Schlafsack und dem Allernötigsten, den sogenannten „Ten Essentials“, ist der Quest sich selbst überlassen:
• Navigation (Karte und Kompass)
• Sonnenschutz (Sonnencreme und Sonnenbrille)
• Kälteschutz (Extrakleidung)
• Licht (Stirnlampe)
• Erste Hilfe (Pflaster, Verband, etc.)
• Feuer (Streichhölzer, Kerze)
• Reparaturset (Multi-Tool, Duct Tape)
• Ernährung (Notration an Nahrung nur für Notfälle)
• Flüssigkeitszufuhr (Wasser)
• Unterkunft – Tarp, Biwaksack, Plastikplane oder Sack

In manchen Varianten gibt es neben dem Verzicht auf Essen auch kein Wasser.

Threshold – die Schwelle

Dieses Natur-Solo gilt als Schwelle. Die Zeit allein mit sich in der Natur verspricht in der Regel eine Grenzerfahrung zu werden – mitunter auch eine Prüfung oder eine Krise. Die Natur und die Tierwelt gelten als Spiegel und Lehrer. Hier bekommen Träume eine Bedeutung. Auch Tagträume und das pure Alleinsein beflügeln die Fantasie: Hier kann man mit den Adlern fliegen und mit den Fischen tauchen. Alles, was geschieht, ist heilig. „Es ist eine andere Realität. Eine Realität der Koinzidenz, der Synchronizität, der Gleichnisse, der Zeichen und Symbole.“ (Steven Foster & Meredith Little; „The Roaring of the Sacred River. The Wilderness Quest for Vision and Self-Healing.“, 1989, ISBN 0-13-781445-3″).
Als Quester lernt man, dem Prozess zu vertrauen und sich hinzugeben. Alles, was passiert, ist das Einzige, was passieren kann. Und alles ist wichtig. Sei es die Begegnung mit einem Tier, sei es der Wind, die Sonne oder der Regen. Sei es ein Ruf aus der Ferne oder die Stille, die so lange verweilt, bis man seinen Ohren nicht mehr traut. Das Einzige, was du nachts oft hören kannst, ist dein eigener Herzschlag. Der Quester stirbt in seiner Solo-Zeit einen symbolischen Tod, um mit dem Alten abzuschließen. Zuvor vollzieht er Rituale des Dankes und der Läuterung.
Wenn alles mit allem geradegerückt ist, wenn letzte gute Worte der Versöhnung und der Wertschätzung gesprochen sind, dann kann der Quester gehen. Er geht (nur) symbolisch, aber zugleich sehr eindrucksvoll, denn diese Erfahrung kann dem letzten Atemzug sehr ähnlich sein. Dies alles vollzieht der Quester -– gut vorbereitet – mit Disziplin und klarer Absicht: Du folgst einem Ritual, in dem du abgibst, dich hingibst und schließlich stirbst, um neu geboren zu werden. Der Verzicht auf feste Nahrung, das Alleinsein und die Reduktion auf das Wesentliche unterstützen den tiefen, persönlichen Prozess. Für manche ist es ein Spaziergang. Für andere können die drei bis vier Tage und Nächte die Hölle sein. „The word scared and the word sacred is just a little flip“, sagen unsere Begleiterinnen.

Am Ende der Solo-Zeit folgt der Aufbruch in ein neues Leben. Wichtige Fragen wurden (vielleicht) beantwortet, Themen haben sich sortiert. Der Blick auf das Alte hat sich verschoben. Man schaut mit Mitgefühl, Wohlwollen und einer wohltuenden Distanz auf sich selbst und die eigene, kleine Welt.
Dieser frische Blick ist es, was den Quester häufig in die Lage versetzt, sich selbst mit all seinen Fragen, Problemen und auch Dramen voll und ganz anzunehmen – mit Selbstliebe und einer Prise Humor. Vieles löst sich. Die meisten Menschen, die nach dieser Zeit zurückkommen, wissen, was zu tun ist, wem sie sich anvertrauen wollen und mit wem und mit was sie in ihrem Leben künftig mehr Zeit verbringen wollen. Jede und jeder bringt seine ureigene Lebendigkeit, Freiheit und ein tiefes Angekommen-sein in der Welt mit zurück vom heiligen Berg.

“You must learn one thing
the world was made to be free in.
Give up all the other worlds
except the one to which you belong.
Sometimes it takes darkness and the sweet confinement
of your aloneness to learn 

anything or anyone that does not bring you alive 
is too small for you.”

David Whyte


Incorporation – die Eingliederung

Als Quester wirst du bei deiner Rückkehr empfangen von denen, die während deiner Zeit auf dem Berg das Feuer gehütet haben. Es sind Menschen, die in der profanen Welt als Raumhalter dienen. Hier im „Sacred Space“ ist es – wie in alter Zeit – deine erweiterte Familie.
Je nach Tradition wird man im Circle (im Kreis) empfangen. Es gibt nach einer Ruhephase etwas zu essen und dann ein erstes „Story Council“. Du wirst als Quester eingeladen, zu berichten, wie es dir ergangen ist und was du mitbringst. Die Begleiterinnen der Quest spiegeln dir, was sie in deiner Geschichte gehört haben. Viele scheinbar unwichtigen Details gewinnen nun an Bedeutung. Hier im Kreis der anderen Quester und der Begleiterinnen tut es gut, sich selbst sprechen zu hören in einer liebevollen Gemeinschaft von Menschen, die wissen, was du durchgemacht hast.
Die Wiedereingliederung in den Alltag ist ein eigener Prozess, der behutsam angegangen werden will. Zunächst ist da die Reise nach Hause. Als Quester bist du mitunter weich (im Sinne von ungeschützt), offen und verlangsamt. Du bekommst sehr viel mehr mit, als du das von deinem (vormaligen) Alltags-Bewusstsein kennst. Zu Hause angekommen, geht es darum, erstmal den anderen zuzuhören. Denen, die für dich den Raum gehalten haben. Wenn sich eine gute Gelegenheit zeigt oder eine geschaffen wird, dann gibt es das zweite „Story Council“ zu Hause mit denen, die dafür bestimmt sind. Vermutlich wirst du weniger Inhalte und Fakten berichten. Du wirst deine Geschichte erzählen, und es kann dir passieren, dass dann alle Emotionen wieder spürbar werden. Die ganze Geschichte kann einer Aneinanderreihung kleiner Wunder ähneln. An dieser Stelle sind wohlwollende und einfühlsame Zuhörer ein Geschenk, denn du bist als Quester immer noch im Prozess der Verarbeitung und des Ankommens im Alltag. Deine Geschichte ist ein wertvolles Gut. Du wurdest von deinen Begleiterinnen darauf vorbereitet, diese Geschichte in voller Tiefe nicht jedem und nicht überall zu erzählen. Es gibt verschiedene Varianten.

Nachsatz

Viele, die sich für eine Visionssuche entscheiden, haben einen Grund, eine konkrete Frage oder sie stehen vor einer gefühlten Weggabelung. Sich dann eine Auszeit der Stille, des Fastens und der Kontemplation zu nehmen, ist seit Menschengedenken traditions- und religionsübergreifend eine gängige Praxis. Eine gut geplante, vorbereitete und begleitete Quest kann ein Segen sein für Menschen jeden Alters. Es scheint mir, als könnten viele Bemühungen um Transformation von diesem uralten, überlieferten Muster und den einzelnen Praktiken der Quest profitieren.
Ich selbst war Assistent im Basecamp der „Cascadia Quest“. Eine Visionssuche in den Cascadia Mountains (USA/Washington), die von Christina Baldwin, Ann Linnea und Deborah Green-Jacobi, jeweils im Mai/Juni angeboten wird. Die TeilnehmerInnen kamen aus den USA, Europa und Australien. Die Alterspanne lag zwischen 23 und 75 Jahren. Mit Christina und Ann kamen The Circle Way, das Wildniswissen, das Tagebuch-Schreiben und die Erfahrung eines langen Lebens mit an Bord. Durch Deborah kamen das „Rites of Passage“-Rahmenwerk (Übergangsrituale) der School of Lost Borders und die auf das Vorhaben perfekt abgestimmte Ernährung hinzu. Die drei zusammen bildeten ein wunderbares, sich ergänzendes Hostingteam.
Eine klare Intention, gute, umfängliche Vorbereitung auf den verschiedensten Ebenen (körperlich, handwerklich, mental), ein guter Ort und eine erfahrene Begleitung sind wesentliche Komponenten der Transformation. „Notice when help comes“ (mit Ruhe auf Antworten warten, auch wenn sie sich nicht direkt zeigen), gab uns Christina zum Abschluss mit auf den Weg.

 

https://peerspirit.com/
https://peerspirit.com/nature-and-wilderness/cascadia-quest-reflections/
http://www.thecircleway.net/
http://www.schooloflostborders.org/