Begrüße Konflikte!
Konflikte sind unvermeidlich – besonders zu Weihnachten, wenn die Erwartungen hoch und die Gemüter mitunter bereits geladen sind. Eine kleine Bemerkung kann dann schnell zu einem Streit führen. Ein Konflikt steht dann plötzlich „elefantös“ im Raum und scheint alles zu dominieren. Genau an dieser Stelle kann man sich entscheiden: Will man den Konflikt ignorieren, vertagen, beruhigen oder schüren?
Wer kennt das nicht? Onkel Thomas, der sofort mit seinem berühmten Monolog über Politik beginnt, den er jedes Jahr führt, egal wer zuhört. Und dann gibt es da Cousin Linus, der nach zehn Minuten Tischgespräch trocken fragt, ob die „Redefreiheit“ nur für Thomas gilt. Ignorieren, vertagen, beruhigen oder schüren?
Keine der Optionen ist „besser“ als die andere!
Es geht vielmehr darum, bewusster mit diesen Möglichkeiten umzugehen: Wir können sie bewusst ignorieren gemäß dem, zugegebenermaßen derben Sprichwort: „Man muss nicht nach jedem Haufen Sch… greifen, der an einem vorbeischwimmt!“
Wir können Konflikte auch vertagen, wenn es die Situation erfordert oder nahelegt. Der bekannte Weihnachtsfrieden von 1914 berichtet, wie britische und deutsche Truppen in einer inoffiziellen Waffenruhe nicht nur gemeinsam Fußball spielten, sondern auch Geschenke tauschten und Lieder sangen.
Wir können Konflikte beruhigen, wenn das vermeintliche Ziel in keinem guten Verhältnis zu den Kosten steht. Doch manchmal geht es nicht: Wenn zum Beispiel die Schwiegermutter fest davon überzeugt ist, dass ihr Kartoffelsalat der einzig wahre Kartoffelsalat ist und das „verrückte Experiment“ mit dem veganen Auflauf von Tante Barbara einfach nicht funktioniert. Doch anstatt zu schweigen oder lauthals zum weihnachtlichen Toast auf Tante Trudi anzuheben, könnte man die Situation auch nutzen. Denn Konflikte wollen immer etwas und was das ist, kann man (auch zu Weihnachten) unerschrocken herausfinden!
Wir können Konflikte schüren, wenn dadurch zum Beispiel eine alte Ordnung überwunden und Neues entstehen kann. Wo könnte ich im weihnachtlichen Konfliktfall hinschauen?
Fragen zur Selbstreflexion.
1. Blick auf die Sache: Worum geht es eigentlich? Ist es wirklich der Kartoffelsalat oder das Gefühl, dass bewährte und auch neue Beiträge zum Weihnachts-Buffet übersehen werden?
2. Blick auf das Soziale: Wie sind Onkel Thomas und Cousin Linus miteinander? Immerhin bezieht sich der Eine auf den Anderen. Wäre da Spielraum für Dialog?
3. Blick auf die Zeit: Geht es nur um den Moment oder um alte, wiederkehrende Diskussionen, wie „Du wolltest schon immer alles anders machen“? Gibt es ein Ziel, wie „Am liebsten würde ich…!“ Dies könnte man erkunden!
Unser Fazit: Oft werden Konflikte geduldet, verschwiegen oder überhört. Doch Hand aufs Herz. „Freundliche Klarheit vor (fried)höflicher Harmonie*“ kann ein Beitrag für ein unverstelltes, lebendiges und dann auch offenherziges Weihnachten sein. Statt Konflikte zu verdrängen, sich von ihnen lähmen oder mit Haut und Haar von ihnen vereinnahmen zu lassen, gibt es diesen dritten Weg: Hinschauen und Annehmen – mit Neugier, nicht mit Verärgerung. Die weihnachtliche Zeit bietet damit die perfekte Gelegenheit, sogar langanhaltende Konflikte-Systeme besser kennenzulernen.
Dann kann man informierter entscheiden, ob es sich lohnt zu ignorieren, zu vertagen, zu beruhigen oder zu schüren! Und wer weiß – die eigentliche Überraschung könnte genau darin liegen, einfach mal anders als all die Jahre mit dem vermeintlichen Sprengstoff umzugehen!
Gerne weihnachtlich, liebevoll im Ton und zugleich klar in der Sache. Was jedoch bei allen Varianten immer geht: einfach mal Verständnis ausdrücken für die Schwere oder Schwierigkeit einer Situation, in der sich jemand befindet. Und jetzt ein Toast auf Tante Trudi!
*wie unsere liebe Kollegin Andrea sagt.
